Kostproben

Drei Geschichten

Viele gute Jahre

Es war richtig, das Haus zu verkaufen. Natürlich war es das. Jeder sagt das. Wir hätten das alles nicht mehr lange geschafft – das große Haus und den riesigen Garten. Wir sind alt geworden und müssen das einsehen.

Friedrich trifft es härter als mich, obwohl auch ich über 50 Jahre dort gelebt habe. Wie die Zeit vergeht. Es war das Haus seiner Eltern. Ich bin eingezogen, als wir geheiratet hatten. Seine Mutter haben wir in diesem Haus gepflegt, bis sie starb. Dann zogen wir unsere Tochter dort groß.

Wir hatten viele gute Jahre in diesem Haus. Aber, Wehmut hilft uns nicht weiter. Dem Haus geht es gut. Eine junge Familie lebt nun in unserem Haus. Kinder spielen im Garten, so wie es sein soll.

Ich hoffe nur, sie kommen nicht auf die Idee, etwas hinter dem Schuppen pflanzen zu wollen. Wenn sie dort graben, werden sie auf die Hunde stoßen. Unsere Lilo, die so alt wurde, dass sie nichts mehr sehen konnte. Unseren Jack, der nur so kurz leben durfte, weil er von einem Auto überfahren wurde. Und unseren Baro, der der beste von allen war.

Mit seinem Tod fing es an. Oder besser: begann es aufzuhören. Es war der letzte Hund, den wir hatten. Wir seien zu alt für einen weiteren, hieß es. Dabei hätten wir gerne noch einen gehabt. Ruhig auch einen älteren aus dem Tierheim. So einen, den keiner mehr will. Der hätte gut zu uns gepasst.

Wir hätten uns einen anschaffen sollen, dann hätten wir jetzt wenigstens einen Grund raus zu gehen. Und wir hätten wohl auch das Haus behalten sollen. Hätten es nicht aufgeben sollen, noch nicht. Hätten dort bleiben sollen, wo unser Zuhause war. Zu spät.

Das Haus ist verkauft. Meine Rosen blühen nun für andere. Für die, die nun auch unsere Kirschen ernten, es sei denn, sie fällen die Bäume. In ihnen saß in den Sommern unsere Tochter und später unsere Enkelin – rot verschmiert ihre Münder von den schwarzen Knuppern.

Friedrich hatte eine Schaukel an einem Ast befestigt, eine die weit schwang – fast bis hoch in die Krone. Ob nun die Kinder der jungen Leute dort schaukeln?

Es gab natürlich auch schwere Zeiten.

Der Friedrich konnte das Trinken nicht lassen. Wie oft habe ich bis spät in die Nacht auf ihn gewartet, bis er ins Haus polterte und ich ihn mit Mühe und Not ins Bett bekam. Und auch meine Krankheit stellte uns auf eine harte Probe.

Aber wir haben all das gemeistert und mehr. Gemeinsam.

Jetzt wohnen wir in einer Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss. Wir müssen nur eine halbe Treppe gehen, acht Stufen. Genau das richtige für alte Leute. Ja, es ist eine praktische Wohnung. Klein und übersichtlich. Einmal in der Woche kommt eine Reinemachfrau und der Vorgarten wird von einer Firma gepflegt, wir haben damit keine Arbeit. So sitzen wir auf dem Sofa und tun nichts.

„Ruht Euch aus.“ sagt unsere Tochter. „Genießt Euren gemeinsamen Lebensabend. Jetzt könnt Ihr all das machen, wofür Euch das Haus keine Zeit ließ.“

Was das sein könnte, darauf hat sie keine Antwort.

Nachts rieche ich das Gras unserer Wiesen und die reifen Äpfel. Ich höre das Knarren der Holzdielen und wie der Wind an den Läden klappert. Ich gehe in Gedanken barfuß durch den taufrischen Garten, sammle Schnecken ab und lausche, wie der Specht in den alten Weiden nach Maden klopft.

In unserer neuen Wohnung klappert und knarrt nichts. Ein Neubau. Praktisch. Schnecken gibt es auch nicht, dafür sorgt die Gartenfirma. Wer weiß, wie lange wir hier überhaupt wohnen werden. Es ist nur ein Übergang. Ein Übergang ins Heim oder ins Nichts. Es ist vernünftig so.

Sehr traurig war auch meine Enkelin über den Verkauf. Sie weinte für mich und ich bin ihr dankbar dafür. Sie liebte das alte Haus mit seinem Reetdach und den schiefen Wänden so sehr wie wir. Und sie sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle.

„Blödsinn.“ sagte meine Tochter. „Den beiden geht es hier viel besser. Das Haus ist viel zu groß und meinst du, der Opa könnte noch den Garten machen?“

Gestern mussten wir Friedrich abholen. Eines der Kinder hatte ihn im Schuppen an seiner alten Werkbank gefunden. Es hatte geschrien, als wollte jemand es umbringen. Dabei saß da doch nur mein Friedrich, strich mit seiner Hand über die Arbeitsfläche seiner abgenutzten Werkbank und weinte leise.

Die jungen Eltern waren sehr wütend. Ich habe mich entschuldigt, wieder und wieder. Habe gesagt, dass es nicht mehr vorkommen wird. Aber wissen kann ich das nicht. Er nimmt es halt schwerer als ich.

Meine Tochter redet nur noch davon, wie gut die Entscheidung war, das Haus zu verkaufen. Gerade jetzt, wo Papa so abbaut.

Gestern haben sie Friedrich angezeigt. Hausfriedensbruch. Zum wiederholten Mal. Jetzt reiche es, sagte die junge Frau, so gehe es doch nicht weiter.

Der Polizist wollte die Familie beruhigen und sagte, dass doch keine Gefahr von ihm ausgehe. Er vermisse halt sein Haus. Ein netter Mann war das. Doch die jungen Eltern haben dafür kein Verständnis. Es wäre jetzt ihr Haus und damit basta. Der Alte könne schließlich nicht einfach kommen, wann er will. Verkauft ist verkauft.

Wir hätten weiter wegziehen sollen, der Friedrich und ich. Viel, viel weiter weg. Unsere Tochter war dagegen. Wir sollten in ihrer Nähe bleiben, damit sie sich um uns kümmern kann.

Friedrich kommt in ein Heim. Es sei das Beste für ihn und für mich. Immer ist alles das Beste, nur gut ist es nicht. Doch ich kann nichts dagegen sagen, denn ich kann ihn nicht daran hindern, weiter zurück zum Haus zu gehen. Seit wir das Haus verkauft haben, hört er nicht mehr auf mich. Er ist nicht mehr der alte, selbst mir ist er oft fremd.

Wir reden auch nicht mehr viel, der Friedrich und ich. Er sitzt nur noch da, mit diesem Blick der in die Ferne geht. Wahrscheinlich denkt er sich zurück in Zeiten, in denen er Holz hackte und aufs Dach stieg, um die Regenrinnen zu säubern. In Zeiten, in denen er immer etwas zu tun hatte.

Manchmal steht er einfach auf und geht. Die acht Stufen der halben Treppe hinunter und zur Tür hinaus. Ich weiß dann, er geht zum Haus. Wie soll ich ihn halten? Er ist auch schon mitten in der Nacht gegangen. Ich wachte auf, und das Bett neben mir war leer. Ich wusste, er ist beim Haus. Ich habe versucht, weiter zu schlafen, aber das konnte ich nicht. Also habe ich mich in die kleine Küche gesetzt und gewartet. Gewartet, bis sie mir den Friedrich zurückbringen.

Neulich traf ich die junge Mutter auf der Straße.

Sie wollte so tun, als hätte sie mich nicht gesehen. Ich aber ging zu ihr hin. Erzählte ihr, dass sie sich nun keine Sorgen mehr machen müsste, denn der Friedrich sei nun im Heim. Ich glaube, sie schämte sich, denn sie verabschiedete sich eilig und lief davon.

Nun bin ich allein. Friedrich ist gestern ganz gegangen. Vorgegangen, wie ich denken möchte. Er hat sich nicht verabschiedet, denn er wusste nicht mehr, wer ich war. Ich habe ihn jeden Tag besucht, doch er schaute mich nicht an. Mir war klar, dass er geht.

Ich sitze in der Zweizimmerwohnung, die nichts als praktisch ist, und friere.

Ich träume von unseren bemoosten Gehwegplatten, aus deren Ritzen immer Löwenzahn wuchs. Ich höre den Gesang des Pirols und ich rieche den Flieder in der Blüte. In Gedanken beschneide ich meine Rosenbüsche und nasche von den Johannisbeeren. Ich höre Friedrich und meine Tochter unter dem Rasensprenger lachen, das Wasser war immer so kalt.

Friedrich wird noch ein Weilchen auf mich warten müssen, schätze ich. Meine Familie war immer schon langlebig. Und da ich in meiner Wohnung nicht in Gefahr gerate, einen Unfall zu haben, weil ich nichts tue, als aus dem Fenster zu schauen, werde ich sicher noch älter als die anderen. So bleibt mir viel Zeit, mich zu erinnern an mein Leben vor diesem.

Tania Konnerth

Kleine Verräterin

Zwei Hände. Die eine, noch so jung, mit kleinen fetten Fingern und Grübchen auf dem Handrücken greift nach der anderen Hand, die alt ist, mit vielen braunen Flecken und hervortretenden Adern. Meine eigene Hand, irgendwo dazwischen, nicht mehr jung und noch nicht alt. Sie gehört nicht in dieses Bild.

Ich hatte die Kleine erst gar nicht mitnehmen wollen, denn schließlich ist der Tod nichts für eine Fünfjährige. Aber sie bestand darauf, Opa zu besuchen. Und da ich keine Kraft für einen erneuten Machtkampf mit ihr hatte, nahm ich sie mit.

Im Auto auf der Fahrt hierher sang sie leise vor sich hin, während sie aus dem Fenster schaute. Draußen regnete es und die Menschen liefen unter bunten Regenschirmen wo immer sie gerade hinmussten. Wie laufende Pilze sahen sie aus, gesichtslos, eilig. Ich unterdrückte den Impuls, meiner Tochter das Singen zu verbieten – nur weil ich traurig war, musste sie ja nicht auch unglücklich sein. Dennoch ärgerte mich ihre Fröhlichkeit.

Nun gehen wir durch die große Flügeltür des Krankenhauses, die sich automatisch öffnet und hinter uns wieder schließt.  Meine Tochter hüpft vor mir her. Sie scheint immun gegen den typischen Geruch, der mir nicht nur in die Nase, sondern in den Magen fährt. Die langen Gänge saugen jede Lebensfreude aus mir, auf sie scheinen sie keine Wirkung zu haben. Ich will sie zurückhalten und ermahne sie, artig neben mir zu laufen. Aber sie hat, wie immer, ihren eigenen Kopf. So lasse ich sie hüpfen, was soll ich auch anderes machen.

Ihre und meine Schritte hallen in unterschiedlichem Takt vom Linoleum wider. Besucher und Patienten schauen uns an, in manchen Blicken ein Lächeln, in anderen Missgefallen.

Am Fahrstuhl besteht meine Tochter darauf, selbst den Knopf zu drücken. Ein weiteres Element Selbstbestimmung, mit der sie mir deutlich macht, dass sie inzwischen groß ist und mich nicht mehr braucht. Nicht für so etwas jedenfalls. Auf der Station flirtet sie dann mit den Schwestern, die froh sind, heute nicht nur mein mürrisches Gesicht zu sehen, sondern das Strahlen meiner Tochter. Ein Kinderlachen dürfte bei ihnen selten zu hören sein.

Hier nun als wir in den kalten, hellgrün gestrichenen Raum gehen, in dem mein Vater liegt, zeigt sich, dass auch der Tod ihr keine Angst macht. Ich betrete das Zimmer mit geducktem Kopf und gebeugten Schultern, leise und vorsichtig, während sie lachend auf ihren Opa zuspringt, der mit geschlossenen Augen in seinem Bett liegt und so tot aussieht, wie schon all die vielen Tage zuvor.

„Hallo Opa, ich bin da.“ Sie patscht ihre kleine Kinderhand, an der noch Schokoladensoße klebt, auf die meines Vaters, die schlaff daliegt.

Mit dieser Geste schafft sie das, was mir unmöglich ist: die Mauer zu durchbrechen, die sich zwischen mir und dem Sterbenden aufgebaut hat. Während ich sie körperlich spüre, scheint sie für meine Tochter gar nicht existent.

Kleine Verräterin.

Das ist der Zauber der Unbedarftheit. Für Kinder gibt es all das noch nicht: Scham, Rücksicht, Ehrfurcht. Sie hat keine offenen Rechnungen mit dem alten Mann, sie hat keine Wunden von ihm davongetragen. Sie sieht ihren Opa und nicht den Despoten und nicht den sterbenden Mann. Der Tod ist für sie noch einfach nur eine weitere Wunderlichkeit in dieser Welt, die voll davon ist. Sie weiß noch nichts von Verlust und Schmerz, sie weiß noch nicht, was es heißt, wenn ein Mensch für immer geht.

Für diesen Augenblick möchte ich schwören, niemals zuzulassen, dass sie all das lernt, damit sie weiter auf diese Art durch die Welt gehen kann. Doch weiß ich, dass mir das nicht gelingen wird. Sie wird erfahren, was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren, so, wie wir alle es gelernt haben.

Mein Vater öffnet die Augen. Was in den letzten Tagen nichts als zwei ausdruckslose Löcher waren, sind nun wache Augen, die sehen wollen, wer da gekommen ist. Nicht mich schaut er an, nur sie.

Es tut weh. Wie sollte es auch nicht weh tun. Meine Tochter kann das, was mir nicht möglich ist: meinen Vater zu erreichen.

Sie zögert keinen Moment lang, nicht einen Augenblick zweifelt sie. Für sie ist klar, dass er sich so über sie freut, wie sie sich über ihn freut. Für sie liegt dort ihr Opa, kein todkranker Mann. Sein Siechtum interessiert sie nicht, während es für mich alles geworden ist. Und das ist es, was uns so unterscheidet. Was es mir unmöglich macht, meinen Vater zu berühren. Oder mich von ihm berühren zu lassen. Von seinem Sterben, seinem Tod.

Tränen steigen mir in die Augen, wie so oft in diesen Tagen. Tränen der Wut. Tränen der Angst. Tränen der Ohnmacht. Ich will schreien, will wegrennen. Will all das nicht mehr erleben müssen. Ich will, dass es endlich ein Ende hat und dass dieser alte Mann dort, der mein Vater ist, stirbt. Und mit diesem Gedanken kommen die Scham und das Gefühl, als Tochter zu versagen.

Müsste ich ihn nicht lieben, gerade jetzt? Müsste ich nicht endlich verzeihen können? Mir und ihm. Wann, wenn nicht jetzt.

Ich kann es nicht.

Meine Tochter hingegen plaudert fröhlich mit ihrem Opa. Erzählt ihm vom Kindergarten, von ihrer Puppe und von unserer Hündin Leila. Sie bohrt selbstvergessen in der Nase, kichert, als sie sich ertappt fühlt und betatscht dann wieder seine Hand.

„Du riechst komisch, Opa.“ sagt sie.

Ich werde rot, doch das Beben, das durch den hageren Körper meines Vaters geht, scheint ein Lachen zu sein. Er lacht, mein sterbender Vater lacht. Mich treibt der Gestank seines Verfalls in den Wahnsinn, während er und seine Enkelin darüber lachen können.

Da wird mir bewusst, dass ich nichts davon abbekommen kann, was die beiden dort teilen. Ich bin zu nah am Geschehen, ich bin zu sehr Tochter.

Für einen Moment sehe ich uns beide – mich und meine Tochter – in ferner Zukunft. Ich sehe, wie sie meinen Arm stützt, während wir durch einen Park gehen. Ich, kaum noch in der Lage, meine Füße voreinander zu setzen. Meine Hände zittern und ich rede über die Tauben, die so schön fliegen.

Wird sie an meinem Altwerden genauso scheitern, wie ich jetzt an dem meines Vaters? Wird sie meinen Verfall ebenso schmerzlich empfinden? Oder bringt sie auch dafür das mit, was mir so fremd ist? Die Fähigkeit, das was ist, anzunehmen?

Wenn ich meinen Vater ansehe, sehe ich nur noch die Quelle von Schmerz. Ich sehe einen alten Mann, den ich nicht mehr lieben will, weil ich weiß, dass ich mich verabschieden muss und weil ich genau das nicht kann. Ich sehe einen Mann, dem ich so viel sagen möchte und ich weiß, das nichts davon meine Lippen verlassen wird. Ich sehe ihn ihm mein eigenes Unvermögen und meine Hilflosigkeit.

Einen Moment lang ist es still.

„Du, Opa, stirbst du?“

Mein Vater schaut meine Tochter an und nickt fast unmerklich.

„Und, hast du Angst davor?“

Wieder dieses kaum wahrzunehmende Nicken.

„Das brauchst du nicht.“ höre ich meine Tochter sagen. „Wir kommen doch nach, irgendwann. Erst die Mutti und dann ich.“

Sie versucht mit ihrem Händchen sein Gesicht zu erreichen, doch sie ist zu klein, um heranzukommen. Ich hebe sie hoch und sie streicht dem alten Mann über die eingefallene Wange. Damit wird das möglich, was ich allein nicht vermag: ein Kontakt. Und für diesen Moment gibt es nichts sonst auf der Welt als nur uns drei.

Tania Konnerth

Eine Rose für Ingrid – oder: Die Zärtlichkeit des Baggerführers

Hätte Ingrid an diesem Tag aufgeschaut, hätte sie sehen können, dass Günter heute ein Hemd trug. Er hatte es für Ingrid angezogen, so wie er sich rasiert und extra Aftershave aufgetragen hatte. Auch war er beim Friseur gewesen.

Er wusste, dass es schönere Männer als ihn gab, aber er war zufrieden mit seinem Spiegelbild gewesen. Er sah ordentlich aus, hatte noch mehr Haare als die meisten in seinem Alter und sein Bauch war deutlich kleiner als bei vielen. Und er musste lächeln, als er sich sah, denn er hatte etwas ganz Wunderbares vor.

Jeden Tag der vergangenen Wochen war Ingrid an der Baustelle vorbeigekommen, auf der Günter den Bagger bediente. Eigentlich war es kein Bagger, sondern ein Sortiergreifer, denn er war dafür verantwortlich, die verschiedenen Teile von den Ruinen in die verschiedenen Materialcontainer zu befördern. Aber das war nicht wichtig, für die meisten Menschen war er eben einfach ein Baggerführer. Manchmal hatte Ingrid nur kurz hochgesehen, manchmal war sie stehen geblieben und hatte zugeschaut, wie Günter Teil für Teil des abgerissenen Hauses in die großen Container schaffte – Metallträger, Türen, Fenster, Steine, Gitter und so weiter.

Sie war ihm sofort aufgefallen, diese kleine Frau mit den roten Haaren, die immer ein bisschen wild von ihrem Kopf abstanden. Es war schön gewesen, dass sie seine Arbeit beobachtete und er hatte sich immer besonders viel Mühe gegeben, kein Teil fallen zu lassen und alle ganz sanft in die Container zu legen. Überhaupt hatte die Arbeit so viel mehr Spaß gemacht als vorher, als in der Zeit, in der es noch keine Ingrid gab.

Günter wusste natürlich nicht, dass Ingrid Ingrid hieß, er hatte ja noch nie ein Wort mit ihr gesprochen, aber das spielte auch keine Rolle. Genauso wenig wie ihr Alter oder ihr Beruf oder ihre Geschichte. Für Günter war diese Frau DIE Frau. Sein Herz schlug laut und heftig, wenn er sie sah und den ganzen Tag lang summte es dann leise vor sich hin. Günter hatte sein Herz noch nie summen gehört und so war er sich sicher, dass Ingrid die Frau für ihn war.

Er hatte lange überlegt, wie er sich Ingrid offenbaren sollte und vor einigen Tagen war ihm etwas eingefallen. Und heute war der Tag gekommen. Es war genau der richtige Tag für sein Vorhaben.

Die Luft war mild und weich, der Himmel blau und die Sonne schmeichelte dem Leben. Ja, es war ein guter Tag.

Er sah Ingrid wie gewohnt schon hinten an der Kreuzung. Man konnte die Uhr nach ihr stellen. Das gefiel ihm. Zuverlässigkeit war wichtig. Schließlich musste man sich aufeinander verlassen können, nicht wahr?

Günter hatte ordentlich geübt für den heutigen Tag. Es sollte alles perfekt werden. Er wusste, er würde sich nur diesen einen Versuch geben. Sollte er sie damit nicht gewinnen können, würde er das als Entscheidung des Schicksals akzeptieren. Denn eigentlich hatte er eh nicht geglaubt, je eine Frau zu finden, die zu ihm passen würde. Aber für diese Frau war er bereit, alles zu wagen.

Er hatte sich immer schon schwer damit getan, sich zu verlieben. Anders als all die, die immer wieder neue Freundinnen hatten. So einer war er nie gewesen. Seine Mutter hatte immer zu ihm gesagt: „Es muss die Richtige sein, in der Liebe darf man keine halben Sachen machen.“ Und die Richtige war nie aufgetaucht. Zumindest nicht, bis er Ingrid entdeckte.

Ingrid war die Richtige, da war er sich sicher. Sie war es. Und seiner Mutter hätte sie auch gefallen. Ganz bestimmt. Die war nun aber schon lange Jahre tot und konnte nichts mehr dazu sagen. An den Tod seiner Mutter zu denken, machte Günter traurig.

Aber für Traurigkeit war jetzt keine Zeit, es gab doch einen Plan umzusetzen. Als erstes musste er schnell die Teile loswerden, die er gerade in seinem Greifer hatte. Hui, das schepperte. Aber Ingrid sah dennoch nicht zu ihm.

Da läuft etwas schief, dacht er. Vielleicht sollte ich bis morgen warten. Aber nein, heute war der Tag. Heute musste es geschehen. Heute oder nie.

Also schwenkte er den Arm weit hinüber, wo ein kleiner Tisch stand. Den hatte er am Morgen bereitgestellt. Auf diesen Tisch stand ein Eimerchen und in diesem Eimerchen schaute der Stil einer Rose heraus. Die Blüte war im Eimerchen, denn wenn Günter sie mit dem Greifer fassen wollte, dann sollte es ja so sein, dass die Blüte zu sehen war. Er wollte Ingrid schließlich nicht den Stil darbieten, nicht wahr?

Er war etwas nervös, stellte er fest, aber wenn Günter etwas konnte, dann war es mit dem Sortiergreifer umzugehen. Seit Jahren tat er nichts anderes, da machte ihm wirklich niemand etwas vor.

Ganz behutsam schloss er den Greifer um den zarten Rosenstil und hob ihn etwas an. Er durfte nicht zu fest zupacken, da der Stil sonst durchgeschnitten wurde. Das war ihm beim Üben oft genug passiert. Aber…, ja, er hatte die Rose gut zu fassen bekommen. Nun musste er nur wieder zurück zur Straße schwenken, wo Ingrid stehen und schauen würde.

Doch, da Ingrid heute nicht stehen geblieben war, war sie schon ein ganzes Stück weiter als geplant. Eigentlich war sie schon fast an der Baustelle vorbei. Hatte sie wirklich nicht einmal zu ihm geschaut? Wie konnte das sein? Wenn sie die Richtige war und er hatte einen so guten Plan gemacht und wenn heute DER Tag war, dann musste sie doch stehenbleiben, damit er ihr die Rose übergeben konnte. Wie konnte sie einfach weitergehen?

Günter sah Ingrid nach, die heute nicht aufgeschaut hatte und wusste, dass er morgen nicht mehr Ausschau nach ihr halten würde. Das machte ihn traurig. Sein Herz hörte auf zu summen. Und es war kein guter Tag mehr.

Tania Konnerth

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